Materialschlacht 2.0

Arena „Carbon-Pro“ nicht mehr auf der Liste der erlaubten Wettkampfausrüstung

Die Problematik der Schwimmanzüge als technisches Hilfsmittel oder, wenn man es ganz drastisch ausdrückt, das Thema Technodoping, ist mal wieder auf dem Tisch.

Der 1. Januar 2010 war der Stichtag, ab welchem es Schwimmern, die unter den Regularien des Weltschwimmverbandes FINA antreten, untersagt war, in Ganzkörperanzügen zu schwimmen, die einen zu starken Auftrieb gewährleisten. Es hatte sich zuvor, beginnend mit den Olympischen Spielen von Peking im Jahre 2008, eine Materialschlacht entwickelt, die im Schwimmsport Ihresgleichen sucht.

Der US-amerikanische Schwimmartikelhersteller Speedo hatte mit dem 2008 präsentierten „LZR Racer“ das Wettrüsten begonnen. In genau diesem Schwimmanzug schwamm Michael Phelps 2008 zu acht Olympiasiegen. Nur ein Jahr später trat Phelps in der gleichen Wettkampfbekleidung bei den Weltmeisterschaften von Rom an und war doch entscheidend ins Hintertreffen geraten. Der damals beste Schwimmer der Welt blieb seinem Ausrüster Speedo treu, während um ihn herum die sogenannten Wunderanzüge als heiße Ware gehandelt wurden. Neben dem Modell X-Glide des traditionsreichen Anbieters ARENA hatte sich damals vor allem der Anzug der Marke „JAKED“ als Nonplusultra heraus gestellt. Die WM von Rom ging mit ihrer Weltrekordflut in die Geschichte ein. Wenn man die Liste der aktuellen Weltrekorde auf der 50m-Bahn betrachtet, stammen sowohl bei den Damen als auch bei den Herren die Rekorde in jeweils 11 von 17 Fällen von diesen Titelkämpfen – allesamt erzielt in den Wunderanzügen.

Seit dem Verbot sind mehr als drei Jahre vergangen und neben einigen wenigen Gerüchten über eine Rückkehr der Wunderanzüge war es doch erstaunlich ruhig in der Szene. Am Status Quo – Männer schwimmen in knielangen Hosen, Damen in ebenfalls knielangen Anzügen mit offenem oder geschlossenem Rücken – schien sich niemand so recht zu stören. Nicht die Schwimmer, denen zumindest eine Chancengleichheit ermöglicht wurde und auch nicht die Anbieter, die regelmäßig nur marginal veränderte, aber als „brandneu und innovativ“  gekennzeichnete Modelle auf den Markt brachten und damit ihre Kasse füllen konnten. Das Marktumfeld im Bereich der Schwimmartikelhersteller ist jedoch rauer geworden und nur so lassen sich die Preise erklären, mit denen die aktiven Schwimmer zurechtkommen müssen: 150€ aufwärts bei den Herren und nochmal 50€ mehr bei den Damen, um in einem  halbwegs aktuellen Produkt zu schwimmen. In der Spitze reichen die Preise an die 450€ heran.

Nun sprach sich am Montagvormittag in Schwimmerkreisen ein Gerücht herum, welches am späten Abend auf der offiziellen Webseite von „ARENA International“ mittels einer auf englisch verfassten Pressemitteilung bestätigt wurde. Das „Powerskin Carbon Pro“ genannte Modell des Schwimmartikelherstellers wird vom Weltschwimmverband FINA von der Liste der im Wettkampf erlaubten Rennanzüge gestrichen. Die Initiative scheint dabei nach ersten Eindrücken von ARENA selbst ausgegangen zu sein, nachdem die FINA nach Routinekontrollen eine Stellungnahme hinsichtlich eines im Testkauf erworbenen Damen-Anzugs forderte. ARENA erklärt den Fehler nun so, dass sich im Rahmen einer Änderung im Produktionsprozess aufgrund deutlich erhöhter Nachfrage ein Fehler eingeschlichen haben soll. Dieser könne demnach unabsichtlich verursacht haben, dass die Luftdurchlässigkeit des Materials nicht mehr den Kriterien des Weltschwimmverbandes entspreche. Der Fehler in der Produktion betrifft Carbon-Pro-Anzüge, die von Ende 2012 bis Anfang 2013 hergestellt wurden. Um jedoch auszuschließen, dass sich irreguläres Material im Umlauf befindet und bei Wettkämpfen benutzt wird und es unmöglich ist, jeden Anzug einzeln zu testen, wurde von ARENA die vollständige Streichung des aktuellen Modells von der Liste der FINA beantragt.

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Das jetzt nicht mehr erlaubte Material des Carbon-Pro war aktuell das Nonplusultra auf dem Markt, auch wenn die Unterschiede zwischen den Anbietern gerade bei den Herren nicht gerade groß sind. Was sich als Tendenz im letzten Jahr allerdings gezeigt hatte, scheint sich in 2013 zu verfestigen: Sowohl international als auch national wird bzw. wurde zu einem sehr großen Anteil mit Carbon-Pro geschwommen.

Wenn man der Pressemitteilung von Arena trauen darf, scheint letztlich gerade die hohe Nachfrage und der dadurch veränderte Produktionsprozess die Ursache dafür zu sein, dass das Modell nun vom Markt genommen wurde.

Doch war diese Entwicklung wirklich nur ein Zufall oder hat jemand den nun ablaufenden Prozess ins Laufen gebracht und die vermeintliche Unzulässigkeit des Carbon-Pro moniert. Die anderen großen Schwimmausrüster dürften es mit Sorge gesehen haben, dass ihre Modelle aktuell etwas ins Hintertreffen geraten sind. Ich hoffe jedenfalls, dass ARENA nicht dafür „bestraft“ wird, dass sie aktuell ein sehr gutes Produkt anbieten, das die anderen Anbieter etwas in den Schatten stellt.

Ein kurzes Wort noch zum letzten Satz der Pressemitteilung:

“Arena has already started delivering the new version of POWERSKIN Carbon-Pro suits (Mark 2) to Teams and Individual Swimmers, in view of forthcoming FINA events.”

Auf gut deutsch gesagt möchte die Firma ARENA mitteilen, dass bereits ein neues Produkt entwickelt und produziert wurde, welches in Kürze ausgeliefert werden kann. Scheinbar war also die Einführung dieses neuen Modells sowieso geplant und wird nun einfach vorgezogen. Falls dies nicht geplant war, wurde wirklich erstaunlich schnell auf diese Entwicklung reagiert. Richtig ärgerlich ist es aber natürlich für diejenigen, die teilweise noch in den letzten Woche neue Anzüge gekauft haben, die sie nun unbenutzt zurückgeben müssen.

Arena zeigt sich allerdings kulant und bietet hierfür ein Formular an (http://support.arenapowerskin.com/form.php ). Dort können sich alle registrieren, die ihren neuen oder gebrauchten Anzug (teilweise ohne Verluste machen zu müssen) eintauschen wollen.

Wie auch immer die Sache weiter geht – es wird spannend zu beobachten sein, ob der neue Anzug von ARENA konkurrenzfähig ist, was daran überhaupt verändert wurde und ob diese Entwicklung den anderen Anbietern bei einer Steigerung des Marktanteils hilft.

Quelle:

http://www.arenainternational.com/arena-waives-fina-approval-on-three-models-of-powerskin-carbon-pro_en_0_2_4875.html